Interviews
Dia lebt

© DIE ZEIT, 15.11.2007 Nr. 47
Dirk Bleyer, 43, tourt seit zehn Jahren hauptberuflich mit seinen Diavorträgen
durch Deutschland
Zu fast jedem Ort der Welt gibt es heute Reisen. Und wer partout nicht wegfahren will, muss nur eines der vielen Reisemagazine im Fernsehen anschalten. Haben sich Diavorträge da nicht überlebt?
Viele Referenten befürchten das. Andererseits sind mehr Leute denn je mit ihren Vorträgen unterwegs – und die Qualität schwankt, ehrlich gesagt, sehr. Trotzdem hat ein Vortrag gegenüber dem Fernsehen noch immer einen Vorteil: Da steht einer auf der Bühne, der wirklich da war, der etwas erlebt hat, dem man hinterher Fragen stellen kann. In dieser Hinsicht sind wir moderne Märchenerzähler. Und wer das Glück hat, ein Trendthema anzubieten, der hat ein volles Haus.
Verraten Sie uns ein Trendthema?
Nachdem das Buch von Hape Kerkeling erschienen war, wollten alle Bilder vom Jakobsweg sehen. Einer hatte die Strecke im Angebot und hat damit das Geschäft seines Lebens gemacht. Inzwischen sind sieben Leute mit dem Thema unterwegs, einige davon mit schnell gestrickten Shows.
Wie wird man Diareferent?
Ich habe eigentlich Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Aber das wurde mir zu langweilig. Deshalb reiste ich mit dem Rucksack dreieinhalb Jahre lang durch Afrika. Daraus entstand mein erster Vortrag. Auch andere Abenteurer sind als Referenten unterwegs. Aber auch Reisebuchautoren oder Fotografen nutzen das als Zubrot. Viele klammern sich aus wirtschaftlicher Not an jeden Strohhalm – und haben manchmal wenig zu erzählen. Denn letztlich zählt die Geschichte.
Also verkaufen Sie populäre Träume?
So könnte man das sehen. Man hat das gemacht, was andere immer machen wollten oder noch machen wollen. Vor einiger Zeit ist ein Kollege mit dem Motorrad um die Welt gefahren. Der traf mit seiner Geschichte einen Nerv und brachte die Säle zum Platzen. In Köln haben an fünf Abenden jeweils 2000 Leute den Vortrag gesehen.
Sie sind mit Ihrer Afrikareise selbst weit herumgekommen, haben aber auch einen Vortrag über Masuren im Programm.
Beides waren Herausforderungen. Afrika lebt vom Abenteuer, aber davon bin ich inzwischen etwas ab, denn Abenteuer bedeutet eigentlich nur schlechte Planung. Oder es werden Nichtigkeiten effektreich aufgebläht. Statt Landschaftspornos, so heißen diese geleckten Postkartenvorträge in der Szene, setze ich auf Geschichten von Menschen, deren Alltag mich interessiert. Masuren ist ein gutes Beispiel. Damit war ich als Einziger unterwegs. Ich musste mir optisch viel überlegen, denn dort sieht es nicht anders aus als hier. Auch inhaltlich war es nicht leicht, sowohl den Vertriebenen als auch den heutigen Bewohnern gerecht zu werden.
Wer besucht Reisevorträge?
Das breite Bildungspublikum mit einem allgemeinen Interesse ist weggebrochen. Es gibt heute viele kleine Zielgruppen: Wanderer, Radfahrer, Motorradfahrer oder Segler. Und sie stellen ganz unterschiedliche Ansprüche. Andere haben eine besondere Beziehung zu dem Land, weil die Kinder ausgewandert sind oder weil sie ein Buch von einem dortigen Autor gelesen haben. Nach den Herr der Ringe -Filmen gab es zum Beispiel einen gewaltigen Neuseelandboom. Menschen unter 40 Jahren erreichen wir allerdings nur selten.
Wie viele technische Innovationen erwarten Zuhörer von Vortragenden?
Die meisten sind da anspruchslos. Sie wollen nur gut unterhalten werden. Rüdiger Nehberg kommt mit einem Uraltprojektor auf die Bühne und stellt fast alle Referenten in den Schatten. Der Zwang zur Innovation kommt eher aus der Industrie. Die guten Diafilme werden nicht mehr produziert, und die Labors wechseln ihre Chemikalien zu selten. Das zwingt uns über kurz oder lang alle zur Digitalfotografie. Die macht erst einmal mehr Arbeit. Aber behutsam eingesetzt, bietet sie auch dramaturgische Möglichkeiten. Auf meiner letzten Recherchereise in Südafrika war eigens ein Kameramann dabei. Über ein Bild von Straußenbeinen kann ich jetzt eine Filmsequenz von rennenden Straußen legen. Eine gute Geschichte ersetzt das trotzdem nicht.
Was werden die Bestseller in diesem Winter?
Wenn ich das wüsste. Afrika läuft immer gut, vielleicht besonders im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Ich habe inzwischen einen festen Stamm von Häusern, die mich einladen, und muss deshalb zum Glück nicht so kurzfristig denken. Ich reise erst noch zweimal nach Südafrika, bevor ich im Herbst 2008 damit losziehe.
Und wenn die Deutschen sich doch irgendwann sattgesehen haben?
Dann gehe ich ins Ausland. Außerhalb des deutschsprachigen Raumes gibt es Diavorträge in dieser Form praktisch nicht. In Amerika erkläre ich den Leuten immer, ich mache so etwas Ähnliches wie Al Gore.
Interview: Martin Wein